Kommunikation zwischen Sehenden und Blinden

 

14 einfache Regeln

 

 

Die Blinden in Spanien und in Deutschland


Warum ich das schreibe: Viele Deutsche haben mir bestätigt, dass sie nie einen Blinden gesehen haben, höchstens haben sie einem über eine gefährliche Straßenkreuzung geholfen, und damit war der Kontakt zu Ende. Deshalb seien die meisten sehr unsicher und gehemmt, wenn sie einem Blinden begegnen. Sie wissen nicht, wie sie ihn behandeln sollen. Und das geschieht nicht in einem Dorf, sondern in einer eine Millionenstadt wie Köln. Da fragt man sich, wo die Blinden bleiben. Entweder gehen sie selten aus, durch den häufigen Regen oder sogar Schnee erschreckt, oder die Mutigen nehmen Taxi oder sehende Begleiter, und dann brauchen die anderen sich nicht mehr darum zu kümmern, nicht einmal zu registrieren, dass ein Blinder da war, und wenn der Blinde noch über einen guten Sehrest verfügt, der ihm erlaubt, sich einigermaßen zurecht zu finden, dann brauchen die Sehenden diesen nicht als Blinden wahrzunehmen und sich mit Gedanken über Hilfen zu quälen. Nur wenn ein völlig Blinder sich am sozialen Leben aktiv beteiligen will, dann entsteht die große Panik in Deutschland, wo leider die Inklusion im Vergleich zu anderen europäischen Ländern nicht sehr fortgeschritten ist.
In Spanien sieht man die Blinden überall, meistens alleine oder mit Führhunden. Vielleicht werden sie durch das bessere Wetter ermutigt, mehr nach draußen zu gehen. Es ist auch durch ihre Jobs als Loseverkäufer bedingt, dass sie draußen in ihren Kiosken, im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stehen. Radio und Fernsehen sprechen oft über sie in ständig laufenden Kampagnen vom ONCE, dem spanischen Blindenverband. Und in ihrer Freizeit wollen sie sich geistig weiterbilden, Veranstaltungen besuchen, Tanz, Schach, Sport treiben und vor allem in Cafés und Restaurants sitzen, denn das Gespräch ist ihnen sehr wichtig. Man sieht überall ganze Gruppen von Blinden, die hintereinander laufen, vor allem in Recoletos, in Madrid, in der Nähe von ONCE, aber auch in anderen Straßen, sie suchen hartnäckig nach Gaststätten, nach immer neuen Treffpunkten und scheuen die schwierigsten Wege nicht.
Die Passanten helfen immer mit guter Laune, mit nettem Gespräch, als wenn es eine Selbstverständlichkeit wäre, sich dort zu treffen, um locker zu plaudern und die Straßen gemeinsam zu ergründen. Der Kellner wird ihnen später die Speisekarte gutmütig vorlesen und ihnen so ausführlich wie möglich die Gerichte beschreiben. Er behandelt sie wie ganz normale Gäste, zeigt kein Erstaunen, kein alarmiertes Verhalten; keiner scheint überrascht zu sein, dass die Blinden sich so sehr bewegen können, dass so viele da sind. Positive Klischees werden herausgeholt. Die Blinden werden für ihre Leistungen und Fähigkeiten bewundert, für ihre Freude am Leben, und die Sehenden fühlen sich in keiner Weise überlegen, sondern eher als minderwertig im Vergleich zu den Blinden. Wirklich, es ist kein Scherz - es ist so.
Aber jetzt reden wir über Deutschland.
Was folgt ist eine Liste von sehr elementaren und kleinschrittigen Handlungsanstößen, und ich hätte mir nie gedacht, dass es notwendig sein sollte, so etwas zu verfassen. Ich dachte immer, dass der allgemeine Menschenverstand und eine gewisse Empathie mit anderen Menschen instinktiv und mühelos schon die Tür zu den Bedürfnissen der Blinden eröffnen könnten. Aber ich habe mich geirrt. Bei Tagungen und anderen Anlässen habe ich immer wieder festgestellt, wie verunsichert die Sehenden sind und dass es einer gründlicheren Aufklärung bedarf, damit sich die Beziehung zwischen Sehenden und Blinden schöner und problemlos gestalten kann. Eines der Hauptprobleme ist, dass oft die Behinderungen miteinander verwechselt werden. So denkt man meistens, dass ein Blinder unbedingt eine Behindertentoilette sowie eine Rampe braucht oder dass er, weil er nicht laufen kann, mit einem Auto transportiert werden muss.
Auch nicht alle blinden Menschen sind gleich: Einige haben früher gesehen, andere nicht.
Einige sind jung und andere sind alt. Einige haben zusätzliche Behinderungen und andere nicht. Meine kleinen Anregungen und Tipps für die Sehenden hier werden auch einen einseitigen Charakter haben, denn ich werde mich nur auf den geistig gesunden und körperlich lediglich an den Augen erkrankten Blinden beziehen.

Es liegt mir fern, Lektionen erteilen zu wollen. Aber ich empfinde es als eine dringende und notwendige Pflicht, mich zu diesem Thema aus der Perspektive blinder Menschen zu äußern, und durch meine Darstellung als blinde Autorin zur Aufklärung für die Sehenden beizutragen, die es mit der Inklusion ernst meinen.

 


14 Hinweise für die BegleiterInnen eines Blinden oder weitere Kontaktpersonen wie
Arbeitskollegen, Ärzte, Verkäufer und alle, die helfen wollen und auch eine positive Wirkung auf den Blinden hinterlassen möchten.

 


1. Ein Arzt bei der Untersuchung darf nie fragen: „Brauchen Sie Hilfe, um sich anzuziehen oder auszuziehen? Soll ich jemanden schicken? Die Frage wäre nur dann angebracht, wenn der (oder die) Betroffene vor kurzem, vorgestern vielleicht, erblindet wäre und ohne Sehkraft noch nichts zu Wege bringen könnte.
2. Wenn Kaffee serviert wird und der Sehende eingegossen hat, kann er dem Blinden auch die Milch und den Zucker reichen, wenn gewünscht, damit dieser nicht danach unter vielen Gegenständen auf dem Tisch suchen muss. Der Sehende darf aber nicht fragen: „Soll ich das Päckchen Zucker für Sie aufmachen?“ Denn es ist klar, dass ein Blinder es machen kann. Was problematisch für ihn ist, ist der Streuer, denn er kann, durch Tasten allein, nicht genau einschätzen, wie viel Zucker herauskommt. Da sollte der Sehende seine Hilfe anbieten, und auch bei dem Eingießen der Milch. Der Sehende nimmt aber den Löffel des Blinden nicht und rührt auch in seiner Tasse nicht herum, denn es ist logisch, dass der Blinde es selbst tun kann.
3. Ein Verkäufer oder Angestellter einer Organisation gibt dem Blinden direkt und nicht seinem Begleiter, was nicht für den Sehenden bestimmt ist, sei es Wechselgeld, Blätter oder Pakete. Oft ist die Tendenz da, dass der Begleiter durch den Blickkontakt als der richtige Ansprechpartner empfunden wird. Aber der Blinde ist ein mündiger Bürger und kann alles, was ihn betrifft in Empfang nehmen. Auch in Veranstaltungen beim Verteilen von Blättern habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass der Blinde übergangen wird. Der Stapel von Blättern kam von meinem Nachbarn auf der rechten Seite zum Nachbarn auf meiner linken Seite, ohne dass ich eines aus dem Stapel herausholen und die übrigen Blätter weiterreichen könnte. Dass ein Blinder auch imstande ist, jemandem einen Zettel zu übergeben, sollte keiner bezweifeln. Das erzeugt in mir immer ein Gefühl, von nicht-vertraut
Werden, obwohl die Leute mich gar nicht kennen.
4. Wenn ein sehender einen Blinden führt, soll er ihn nicht unter den Arm greifen und ihn vor sich her schieben wie ein Tablett, sondern umgekehrt, ihm den Arm anbieten, damit der Blinde sich daran halten kann und minimal etwas vor dem Blinden gehen, damit dieser durch die Bewegung seines Beines erkennen kann, wann eine Stufe kommt. Gewöhnlich will der Führende, dass der Blinde zuerst die Stufe erreicht, aber es ist besser, wenn der Sehende als erster die Stufe hoch geht, damit der andere die Erhöhung merkt. Der Sehende braucht nicht über- vorsichtig zu sein, sondern ganz normal ohne übermäßigen Kräfteaufwand zu laufen. Er soll keine Angst haben, dass der Blinde hinfallen könnte. Er soll niemanden in die Luft heben und keine Karre ziehen, sondern sich nur einhaken und sich mit dem Blinden gemütlich unterhalten.
5. Kommunikation und freundliche Worte, interessante Gespräche, sind eine Fundgrube des Glücks für die Blinden, deshalb ist ein trockener und düsterer Begleiter, auch wenn er in praktischer Hinsicht gut führt, wenig zu gebrauchen. Trotzdem, wenn der Begleiter vom Charakter her nicht gesprächig ist, muss der Blinde auch dazu bereit sein, es zu akzeptieren. Im idealen Fall jedoch sollte der Begleiter versuchen, so viel wie möglich zu beschreiben, was er sieht, wo man sich befindet und auch andere Themen ansprechen, nicht dass er vor lauter Eifer wie eine Art Beschreibungsmaschine werden könnte, die nur Visuelles hervorhebt. Die Gefahr der Überspezialisierung in Deutschland ist sehr groß, und davor ist mir manchmal Bange, zum Beispiel, dass ein Sehender besessen davon ist, einem Blinden die Augen mit seinen eigenen zu ersetzen und an nichts Anderes denken kann.
6. Wenn der Blinde und sein Begleiter mit dem Bus oder anderen Verkehrsmitteln fahren, soll der Begleiter als erstes ihm die Hand auf die Stange führen, damit dieser sich selbstständig festhalten kann und nicht versuchen ihn mit seinem Körper zu stützen. Bei der Platzsuche führt er die Hand des Blinden genau zum Sitz, zur Armlehne, damit dieser sich orientieren kann und nicht aus Versehen auf den Schoß eines Fahrgastes gerät.
7. Um es leichter für den Blinden zu machen, soll der Sehende beim Anfang eines
Gesprächs und besonders in großen Gruppen, seinen Namen nennen. Nicht immer kann ein Blinder nur anhand der Stimmen jemanden erkennen, besonders, wenn sie sich nicht lange kennen und wenn viele Nebengespräche in der Gruppe laufen. Dann rätselt der Blinde gequält, wer genau ihn angesprochen hat und wie er auf die anfänglich unbekannte Stimme reagieren soll, ob so zu tun, als wenn er wüsste, mit wem er redet und im Laufe des Gesprächs Anhaltspunkte finden, oder von Vornherein sein Unwissen gestehen und fragen: „Wer sind Sie bitte?“ Das Letztere ist etwas peinlich, aber besser, damit die Fronten geklärt sind und die Kommunikation beiderseitig fließen kann. Prinzipiell ist es immer gut, den Namen zu nennen und gar nicht schwer.
8. Wenn Sie weggehen und das Gespräch mit dem Blinden unterbrechen oder beenden müssen, sagen Sie ihm bitte Bescheid, sonst könnte dieser denken, dass Sie immer noch da sind und beginnt sogar einige Zeit ins Leere zu reden. Ein Blinder mit Sehrest kann noch erkennen, dass Ihr Schatten den Platz verlassen hat, aber ein Vollblinder nicht. Oft machen Blinde diese Erfahrung durch und dann fragen sie verwirrt, wenn sie keine Antwort vom Ansprechpartner bekommen: „Sind Sie noch da?“
9. Da der Sehende in einer besseren Lage ist hinsichtlich des Sehens, sollte er sich, großzügig, offen und taktvoll, anderen Aspekten der Beziehung zuwenden, er sollte versuchen, Gemeinsamkeiten zu entdecken und nicht immer das Trennende zu unterstreichen, d. h., von dem uns gemeinsamen Mensch-Sein ausgehend, Brücken zu bauen, statt sie zu zerstören. Solche Brücken sind zum Beispiel: Hunger, Durst, Düfte, Blumen, Kleidung, Telefonieren, Musik, Literatur, Geschichte, Politik, sogar Filme, denn vielen Blinden sind Filme verständlich, besonders wenn sie über Audio-Deskription gelaufen sind. Sie sollten folgende Sätze vermeiden, die die Blinden nur betrüben und belasten, denn sie können ja ihre Situation nicht ändern: „Es ist schade, dass Sie diese schöne Landschaft nicht sehen können.“ Oder: „Entschuldigen Sie, dass ich das Wort „Aufwiedersehen“ benutzt habe; Sie sehen nicht, und das gilt nicht für Sie.“ Wahrscheinlich wird es ohne böse Absicht
gesagt, als Selbstvorwurf sogar, aber es klingt so, als würde man die Blinden aus der uns allen gemeinsamen Sprache vertreiben, als müsste man neue Wörter für sie erfinden. Blinden bedeutet das Sehen auch etwas, Besuchen, jemanden treffen, Kontakt mit jemandem haben. Und genau so beanspruchen sie auch für sich die Worte: „Beobachten, Bezeugen, Betrachten, Wahrnehmen, Spüren“ - nur dass es über andere Mittel der Wahrnehmung geschieht, über die übrigen vier Sinne und die Fantasie.
10. Unterlassen Sie des Weiteren Sätze wie: „Sie sind zu empfindlich.“ Oder „Ich habe gehört, dass die Blinden wie die Schwerhörigen sehr misstrauisch sind.“ Oder: „Wie ertragen Sie dieses Schicksal? Ich wäre lieber tot als blind.“
11. Vermeiden Sie um jeden Preis, dass ein Blinder auf einer Feier isoliert und einsam, in einer Ecke vergessen, bleibt. Geben Sie ihm keinen Stuhl abseits, sondern führen Sie ihn zu den Stehtischen, wo er sich leichter mit den Nachbarn unterhalten kann. Sprechen Sie ihn auch ab und zu an, nicht nur, um zu fragen, ob er etwas vom Buffet braucht, sondern zeigen Sie, dass Sie sich für sein Leben interessieren, was er macht, was er erlebt, wo er gerne wohnt, normale persönliche Fragen, die Sie auch an andere Menschen stellen. Das Buffet ist
nicht das Wichtigste für einen Blinden, sondern der Umgang mit der Gesellschaft, die ihn entweder annimmt oder ausschließt. Fragen Sie ihn auch, ob er gerne jemanden in der Runde finden würde. Wenn ja, begleiten Sie ihn dahin. Der Blinde hat weniger als die Sehenden die Möglichkeit sich in einer großen Gruppe den erwünschten Partner auszusuchen. Manchmal hat er ein Gefühl der Niedergeschlagenheit, weil er sich nicht zutraut den ihm zugewiesenen Platz zu verlassen und die Namen der Bekannten laut auszurufen, mit denen er gerne reden würde.
12. Professoren und Dozenten in Lehranstalten sollten nicht vergessen, laut und deutlich die Worte vorzulesen, die sie an die Tafel schreiben und komplizierte Namen oder Formeln langsam zu buchstabieren. Es erfordert ja nur ein paar Sekunden, und es bringt dem benachteiligten Nicht-Sehenden viel an Fortschritt, wenn er dem regulären Unterricht vollständig folgen kann. Sonst würde er nur die Hälfte mitkriegen. Man redet viel von der Inklusion behinderter Kinder, aber auch die Erwachsenen sind auf die Inklusion angewiesen.
Wenn zum Beispiel einem Blinden in einem Chor die Texte der Lieder nicht vorgelesen werden und die LeiterIn nicht versucht, seine Stimme zu testen und eine Stelle mit ihm zu wiederholen, wird dieser mit Sicherheit nicht singen können. Die Nicht-Inklusion bringt oft den sogenannten Self-prophecyeffect mit sich: Das Experiment muss scheitern. Nur bei einer wahren Inklusion kann es zum Erfolg führen.
13. Mir sind einige Fälle von Blinden bekannt, die bei bestimmten Unternehmungen
abgelehnt wurden, weil sie keine Begleitung mit sich hatten. Ein blindes Ehepaar fuhr in einem Reisebus gemeinsam mit einer Touristengruppe nach Prag. Als bekannt wurde, dass sie keinen bei sich hatten, machte sich die entsetzte und ablehnende Haltung der Fahrgäste ständig bemerkbar. Sie hatten Angst, in ihrem Urlaub gestört zu werden und zu viele Hilfeleistungen erbringen zu müssen. Neulich wurde eine blinde Autorin aus einem Seminar für kreatives Schreiben ausgeschlossen und ihre Anmeldung gestrichen, weil sie ohne Begleitung daran teilnehmen wollte. Eine Blinde rief in einem Theater an und reservierte eine
ermäßigte Karte für sich. Der Angestellte fragte vorwurfsvoll, ob sie nicht eine Begleitung hätte... wegen der vielen Stufen... Und sie antwortete vielleicht eine Spur zu heftig: „Nein, ich komme mit dem Taxi. Und bei den paar Stufen werden Sie mir wohl etwas helfen können.“ Also fragen Sie bitte einen Blinden nicht, ob er nicht besser eine Begleitperson oder sich einen Führhund anschaffen sollte. Letzten Endes ist es seine eigene Verantwortung, ob er das alleine schafft oder ob er total kaputt am Ende von seinem Experiment nach Hause zurückkommt.
14. Ein Blinder kann sich meistens ganz gut nach einigen Minuten in kleinen Räumen orientieren. Wo er die meiste Hilfe braucht, ist auf der Straße, bei Hindernissen, Bauarbeiten, Stufen und vor allem dem Verkehr. Mein Tipp hier ist, immer zu helfen. Auch wenn manche Sehende negative Erfahrungen mit Blinden gemacht haben, die schlecht gelaunt und pedantisch ihre Hilfsangebote zurückgewiesen haben. Schließen Sie deshalb nicht auf eine Mehrheit der Meinungen in diesem Punkt. Ich zum Beispiel bin für Hilfe immer dankbar. Und
helfen Sie mit Verstand, mit Freude, wo Sie nur können, mit einem Lächeln, mit Lust und ohne Widerstreben, denn Freude ist das beste Geschenk für einen Blinden, dass man nicht als schwere Pflicht und als Last empfunden wird, sondern als ein interessanter Gegenstand der Schöpfung, so attraktiv und liebenswürdig wie alle anderen, wie die Tiere, das Gras und die Sterne. Auch die AutorInnen, die über uns schreiben möchten, sollten uns besser kennen lernen und sich mit den Blinden anfreunden. Freundschaft ist das beste Mittel, um Vorurteile
zu beseitigen.


Dr. Pilar Baumeister
24.03.2019